{"id":673,"date":"2016-08-24T11:48:24","date_gmt":"2016-08-24T09:48:24","guid":{"rendered":"http:\/\/joachim-borner.de\/?p=673"},"modified":"2017-04-27T11:52:07","modified_gmt":"2017-04-27T09:52:07","slug":"dionysos-oder-apollo-die-frage-nach-kunst-im-zeitalter-globaler-und-lokaler-naturvernichtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/joachim-borner.de\/?p=673","title":{"rendered":"Dionysos oder Apollo? Die Frage nach Kunst im Zeitalter globaler und lokaler Naturvernichtung"},"content":{"rendered":"<div title=\"Page 1\">\n<p>Dem Text liegt ein Wohlwollen f\u00fcr nicht-menschliche Lebewesen zugrunde. Es geht nicht darum, dieses Wohlwollen zu begr\u00fcnden, sondern es im Kontext der Frage nach einer Kunstform zu behaupten.<!--more-->Vor dem Hintergrund gewollter und ungewollter \u201eUngepflegtheit\u201c siedelte sich auf dem Hof Karnitz eine reichhaltige, alt-d\u00f6rfliche Flora und Fauna an. Dies ist in Anbetracht der sonst eher \u00fcblichen\u201eVersch\u00f6nerung\u201c d\u00f6rflicher Lebensr\u00e4ume, wo die Artenvielfalt dem Anblick gepflegter Fassaden und H\u00f6fe geopfert wird, ein \u00f6kologischer Gl\u00fccksfall. Aber damit nicht genug. Das Besondere an diesem Standort ist, dass sich die spontane, wilde Flora und Fauna nun nicht mehr nur \u201ehalt so\u201c einstellt, wie es f\u00fcr den einst noch funktionalen d\u00f6rflichen Alltag \u00fcblich war. Vielmehr haben die nicht- menschlichen Lebewesen im Garten ein Gesicht bekommen. Mittels der biologischen Lebensformkunde wurde das Leben und Erleiden dieser Wesen erschlossen. Die menschlichen Bewohner des Hofs wissen jetzt, mit wem sie es aus lebenskundlicher Sicht zu tun haben.<\/p>\n<p>Der empathische Nachvollzug der Lebensformen in Form exakter oder konkreter Phantasie verhilft zu einem wesenhaften Erleben der nicht-menschlichen Mitbewohner des Hofes. Mit der gepflegten Anonymit\u00e4t und auch der wohlfeilen Ignoranz hat es ein Ende. Damit aber beginnen die lebensphilosophischen Probleme erst. Denn nun wird klar, dass die Elemente dieses vielf\u00e4ltigen Lebens mit all ihren erstaunlichen Lebensleistungen in ihrem unbestreitbaren Recht auf Gedeihen, beschr\u00e4nkt werden m\u00fcssen. Die Beschr\u00e4nkung des Lebens geht bis zur tats\u00e4chlichen Ausmerzung. Ausgehend von diesen lokalen Prozessen der Einschr\u00e4nkung und sogar Ausmerzung auf dem Hof l\u00e4sst sich auf das Ausma\u00df globaler vergleichbarer Prozesse, etwa Abholzen von W\u00e4ldern, im Modus der Betroffenheit schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Der Wust an zahlenbasiertem Material \u00fcber die Naturzerst\u00f6rung, der mehr verbirgt als zeigt, wird durchbrochen und es rei\u00dft so etwas wie die scheinlose Wirklichkeit auf, die sich bisher hinter dem Schein des Spiels der zu Tabellen und Graphiken umgesetzten numerischen Daten verbergen konnte. Wirklichkeit gibt es nur im Modus des Betroffen-Seins. Der Begriff \u201eWirklichkeit\u201c umfasst mehr als das Abnicken abstrakter Sachverhalte. Er schlie\u00dft das Mitgehen auf subjektiver Ebene ein. Nicht die numerische Fl\u00e4che des gerodeten Waldes z\u00e4hlt dann allein, sondern die mehr seelisch erfasste Qualit\u00e4t der Rodung kommt zu Bewusstsein, zu einem Bewusstsein dar\u00fcber, welchen Lebensformen der Lebensraum genommen wurde. Es hat dabei eine Erotisierung der Natur stattgefunden. Was der Natur mit ihren Wesen widerf\u00e4hrt wird leiblich f\u00fchlbar oder leiblich interpretierbar. Reflexartig stellt sich eine k\u00f6rperlich geankerte Verabscheuung der Vernichtung von Natur ein. Eine Ahnung bef\u00e4llt das Bewusstsein dar\u00fcber, was denn \u201ewirklich\u201c mit Anthropoz\u00e4n gemeint sein k\u00f6nnte oder was der andauernde, gut bekannte Artschwund in Deutschland meinen k\u00f6nnte. Unter Ahnung ist wiederum etwas zu verstehen, was an sich substantiell aber nicht logisch darstellbar ist. Diese Qualit\u00e4t der Betroffenheit ist nicht auf rein rationale Weise darstellbar.<\/p>\n<p>Von hier wird eine m\u00f6gliche Rolle der Kunst bestimmbar. Vereinfacht gesehen bewegt sich Kunst auf der Basis von Traum oder Rausch (Nietzsche). Traum ist mit Bild, Rausch mit Musik verbunden. Traum meint hier das traumsichere Schlie\u00dfen einer Gestalt. Er steht daher auch f\u00fcr Individualit\u00e4t und Individuation. Rausch meint das Aufbrechen solcher Sicherheit. Der Rausch steht f\u00fcr \u00dcberschreitung und Entgrenzung. Beide sind aufeinander hin zwiesp\u00e4ltig angelegt. Weder Rausch noch Traum sind an sich Kunst. Aber sie geben die M\u00f6glichkeit von Kunst ab.<\/p>\n<\/div>\n<div title=\"Page 2\">\n<div>\n<div>\n<p>Die Kunst kann mit den konkreten (exakten) Beobachtungen und sich qualitativ umsetzenden Erlebnissen umgehen. Sie rekurriert auf das formal nicht Beobachtbare (Messbare) und gibt, logisch gewendet, einen paradoxen Bericht \u00fcber eben dieses. In erster N\u00e4herung k\u00f6nnte es der Kunst m\u00f6glich sein, dem Erleiden und auch Leiden der nicht-menschlichen Lebewesen Ausdruck zu verleihen. Insofern, als sie die ungeheuerliche Logik der Vernichtung von Lebewesen und Lebensweisen und Konsequenzen daraus sinnlogisch aufzeigt, w\u00e4re sie nach dem Modell von Nietzsche apollinisch zu nennen, Apollo zugeordnet. Sie w\u00e4re dem Traum verwandt, n\u00e4mlich dem letztlich schl\u00fcssigen, empathisches Erfassen dessen was geschieht. Die Folge w\u00e4re ein begr\u00fc\u00dfenswertes, vertieftes Verstehen das in Nachdenken und Handlung bringt.<\/p>\n<p>Nun stehen Apollo und Traum auch f\u00fcr Distanz. Empathie bedeutet immer noch Distanz. Traum ist immer noch Schein, d.h. kein essentielles Mitgehen. Die Betroffenheit ist abgefedert. Der Rausch hingegen, dem Dionysos zugeordnet, ist eine Form der ganzheitlichen Identifikation. Es ist dem Individuum im Rausch m\u00f6glich, die Einheit von Mensch und Natur, von Mensch und nicht- menschlichem Wesen, zu erfahren. Damit verbunden ist sowohl ein Grausen \u00fcber die Existenz als solche als auch die Wonne der Entgrenzung die durch die zeitweilige Aussetzen des Prinzips der Individuation entsteht. In der kultivierten Pflege des Rausches wird man dem Rausch weder verfallen noch ihn vermeiden m\u00fcssen. Das Ego l\u00e4uft als Beobachter mit. Es beobachtet wie im Rausch die Welt beobachtet wird. Es geht nicht darum, das Ego zu verlieren, sondern darum, es zu erweitern.<\/p>\n<p>Das Grausen \u00fcber die Existenz wird durch die Verz\u00fcckung an der Einheit mit dem Leben ausbalanciert und sogar tragend \u00fcberspielt. Grausen und Verz\u00fcckung geh\u00f6ren aber zusammen. Sie sind verquickt (neudeutsch: verschr\u00e4nkt). Verz\u00fcckung ist kein isoliertes Trostpflaster f\u00fcr das Leben-m\u00fcssen. Sie wurzelt im Grauen oder Grausen vor dem Leben und uns selbst. Nicht zuletzt geh\u00f6rt es zur unheimlichen Grunderfahrung des Lebens, dass wir auch als Mensch eine lebensvernichtende Seinsform sind. Wir m\u00fcssen t\u00f6ten, selbst wenn wir es nicht wollen. Auch wenn wir aus guten ethischen oder moralischen Gr\u00fcnden das T\u00f6ten von Tieren verwerfen, so bleibt das T\u00f6ten von anderen Lebewesen, den Pflanzen, bestehen. Wenn wir das Leben so wie es ist radikal, ohne jenseitige oder diesseitige Messianismen bejahen wollen, dann k\u00f6nnen wir vor uns selbst, besonders ausgehend von unseren ethischen und moralischen Wertsetzungen, letztlich nur im Rausch bestehen. Die ethische Verfeinerung, das Bewusstsein Leben eigentlich schonen zu m\u00fcssen, schafft heute die Grundlage der tiefen Ekstase. Vielleicht dienten die Tabus der Naturv\u00f6lker gegen \u00dcbernutzung von Ressourcen, wie wir heute sagen, einem \u00e4hnlichen Zweck der Verfeinerung. Wir k\u00f6nnen das ethische Vermeiden des T\u00f6tens von Tieren als modernes Tabu begreifen, das uns Beschr\u00e4nkungen auferlegt, die letztlich des bewussten Rausches dienlich sind, weil sich damit umso mehr offenbart, dass wir dennoch pflanzliche Lebewesen t\u00f6ten m\u00fcssen, um zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Eine Schnecke wird nicht notwendigerweise das bewusste Grausen \u00fcber das Leben teilen. Aber die Art wie sie erschrickt, d.h. durch eine Ber\u00fchrung zusammen zuckt oder wie sie versucht, schmerzhaften Einwirkungen aktual oder schon im Vorfeld zu entkommen, verweist auf einen Instinkt f\u00fcr das Grausen im Leben. F\u00fcr manche Tiere, wie etwa f\u00fcr das Wild- oder Hausschwein, nimmt man in der Tierethik an, dass sie dazu f\u00e4hig sind, sich als Subjekt ihres Lebens wahrzunehmen. Das bedeutet auch, dass sie sich auf ihre Weise der Abgr\u00fcndigkeit, der M\u00f6glichkeiten von Schmerz und Qual des Lebens, irgendwie bewusst sind. Solchen Tieren scheint auch der Rausch m\u00f6glich zu sein. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass f\u00fcr Pflanzen nicht mehr ausgeschlossen werden kann, dass sie Schmerz empfinden und auf viele Weisen versuchen, ihr Leben durch Verhaltensweisen zu meistern, die als Intelligenz verstanden wird. Es scheint so, als ob auch Pflanzen die abgr\u00fcndigen Seiten des Lebens auf ihre, bislang unbekannte Weise, kennen w\u00fcrden. Nach den Erkenntnissen universit\u00e4rer Pflanzenethik haben Pflanzen das Verm\u00f6gen ein \u201eGl\u00fcckliches Leben\u201c zu f\u00fchren. Daher haben sie ein moralisches<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div title=\"Page 3\">\n<div>\n<div>\n<p>Recht auf Gedeihen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass sie auch eine Art von Sinn f\u00fcr Ungl\u00fcck und Leiden haben k\u00f6nnten aus dem heraus sich ihre sichtbare Intelligenz im Aspekt pr\u00e4ventiver Vermeidungsstrategie mit speist.<\/p>\n<p>Die Frage danach, ob Tiere und Pflanzen ein Grausen \u00fcber ihre Existenz und ein Verm\u00f6gen zur Ekstase mit uns Teilen k\u00f6nnen ist rationaler Natur. Die hegemoniale Anwendung von Rationalit\u00e4t entstammt jedoch der Wahnvorstellung, dass nur die analytische Reflexion im Ergr\u00fcnden von Leben statthaft sei (siehe unten). Es gibt keine M\u00f6glichkeit zu begr\u00fcnden, dass Rationalit\u00e4t die einzig legitime Zugangsweise ist. Mit der Brille des Rausches betrachtet, der ja ohne Ich-Verlust ablaufen kann, befindet sich besonders die \u00fcppig wuchernde Natur selbst im andauernden Rausch. Auch dies ist eine Einsicht aus dem Garten Karnitz, in dem sich die spontane Natur als Verwilderung in den Raum hinein vorschiebt. Bevor die Pest der Pestizide begonnen hat, das Insektenleben zu eliminieren, konnten Massen von Eintagsfliegen, deren Larven aquatisch leben, im S\u00fcden Deutschlands nach ihrem Absterben wie Schnee ganze Ufers\u00e4ume und Stra\u00dfen bedecken. Bevor preu\u00dfische Gr\u00fcndlichkeit die gewaltigen Sumpflandschaften Ostdeutschlands hat ausbluten lassen, waren allein die Lautgebungen der in den Feuchtgebieten ans\u00e4ssigen Tiere von einer heute unvorstellbaren Intensit\u00e4t. In der Zeit der Aufkl\u00e4rung, also dem Zeitalter der Vernunft, wurde dieses ekstatische Moment der Landschaft h\u00f6chst unvern\u00fcnftig als d\u00e4monisch, verabscheuungsw\u00fcrdig empfunden. Man empfand es als Pflicht, es auszul\u00f6schen. Die Farben und D\u00fcfte einer Wiese, das entlassen mancher Einzelfplanzen von tausenden von Fr\u00fcchten (etwa Schirmflieger der Disteln) aber auch das best\u00e4ndige kleinteilige innerliche Zusammenbrechen naturnaher W\u00e4lder im Rahmen eines zuf\u00e4lligen Rhythmus von Werden und Vergehen l\u00e4sst sich ohne Verkrampfung als rauschhaftes Dasein wahrnehmen.<\/p>\n<p>Kraft unseres anschaulichen Denkens teilen wir also das Grausen (\u00fcber uns selbst wie \u00fcber das Leben als solches) und die Ekstase der darin liegenden Vereinigung mit der Natur als zentrale \u00c4u\u00dferungen des Lebens, den nicht-menschlichen Lebewesen. Selbst ein \u00f6kologisch abgrenzbarer Lebensraum (Biotop), in dem sich das Leben tummelt, kann als ekstatischer Ausdruck erfasst werden. Mithin sind dabei abiotische Dimensionen eingeschlossen.<\/p>\n<p>In der Verquickung von Grausen \u00fcber das Leben und seinem Rausch kommt es zu einer existentiellen Naturverbindung oder, umfassender, Lebensverbindung. Im Teilen des Grausens \u00fcber die Existenz mit anderen Lebewesen (zumindest in vorbewusster oder vorsprachlicher Form) als einem gewichtigen Aspekt der Einheit von Natur und Mensch, r\u00fcckt das Leben essentiell zusammen. Das Bewusstsein zur Verletzlichkeit des Lebens, die M\u00f6glichkeit von Leiden und Qual, ist damit keinesfalls ausgel\u00f6scht oder ged\u00e4mpft, sondern schwingt im Rausch mit. Leben erscheint als eine Art von Schicksalsgemeinschaft, die trotz der Antagonismen eine Einheit im abgr\u00fcndigen So-Sein bildet. Nicht in einer positiven oder verkl\u00e4renden Weise, sondern im Sinne einer eher schonungslosen Bewusstwerdung der Lebensunheimlichkeit sowie der Ekstase, welche den Abgrund im Sinne der M\u00f6glichkeit seiner Bew\u00e4ltigung \u00fcberw\u00f6lbt, kommt es zum tragenden Einheitsgef\u00fchl. Darauf k\u00f6nnen ethische und moralische Wertesetzungen gewurzelt aufstocken.<\/p>\n<p>Kunst k\u00f6nnte den Rausch als vermittelte Unmittelbarkeit transportieren. Daraus k\u00f6nnte sich eine Kunstform sch\u00f6pfen, in der sich die spezifische N\u00e4he zum Leben artikuliert aber sich nicht allein im Leidensaspekt verliert. Denn zumindest f\u00fcr den Menschen besteht im dionysischen Rausch die M\u00f6glichkeit, die Tragik des Lebens ohne Zuhilfenahme einer weltlichen oder geistlichen Utopie der Erl\u00f6sung zu bew\u00e4ltigen und dies kunstvoll ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeit des Rausches schafft die Bejahung des Lebens trotz und wegen des Grausens \u00fcber das Leben. Das mag auch bildhaft, apollinisch und distanziert, also als Traum, ausgedr\u00fcckt werden. Die<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div title=\"Page 4\">\n<div>\n<div>\n<p>Einheit mit der Natur bleibt durch den Aspekt des Rausches in intimer Form bestehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div>\n<div>\n<p>Die im Rausch manifeste Einheit mit der Natur steht der Abtrennung von der Natur als Sache in der technischen Welt entgegen. Damit ist ein \u201eirrationaler\u201c Kontrapunkt zur herrschenden, rationalen Lebensgestaltung der industriellen Zivilisation gegeben. Die moderne Gesellschaft kann aufgrund ihrer funktionell bedingten Fragmentiertheit keinen globalen rationalen Umgang mit der Umwelt entwickeln. Es fehlt die M\u00f6glichkeit zur Bildung einer rational wirkenden Zentralinstanz. Es ist demnach geradezu unm\u00f6glich, dass die Wirkungen auf die Umwelt und damit die R\u00fcckwirkungen auf die Gesellschaft rational wirklich gesteuert werden k\u00f6nnen. Logische und diskursive Reflexion als notwendiges Stilmittel rationaler Weltgestaltung f\u00fchrt zudem nicht notwendigerweise zu den gew\u00fcnschten rationalen L\u00f6sungen. Systemisch gesehen ist es unm\u00f6glich, dass ein Entscheidungstr\u00e4ger (Einzelmensch oder Institution) sich selbst vollst\u00e4ndig, also rational, transparent darin ist, wie er sich der Natur oder Umwelt gegen\u00fcber verh\u00e4lt. Kulturell gesehen tritt Rationalit\u00e4t als Macht auf, die notwendig Unterdr\u00fcckung von nicht-rational zentrierten Alternativen zur Folge hat.<\/p>\n<p>Das Klammern an Rationalit\u00e4t oder Vernunft als alleiniger tragf\u00e4higer Zugang auf die Natur wirkt vor diesem Hintergrund wie eine Manie oder ein Wahn. Es k\u00f6nnte sich um einen uneingestandenen Rausch handeln. Der bewusste, dionysische Rausch verweist auf die gef\u00fchlte Einheit mit der Natur, also auf \u201eprimitive\u201c Zeiten vor der Dominanz der scheinbar rational steuerbaren Zivilisation. Der Rausch verweist damit auch auf Zeiten, die nach dem Vergehen der Zivilisation kommen k\u00f6nnten. Insofern besteht die M\u00f6glichkeit, die Zivilisation vom ihrem nicht unwahrscheinlichen Ende her zu sehen. Eine am dionysischen Rausch orientierte Kunst k\u00f6nnte die Sch\u00f6nheit \u201eprimitiver\u201c Naturverbindung vermitteln. Die Sch\u00f6nheit best\u00fcnde vornehmlich in der Utopie einer gelungenen bidirektionalen Beziehung zur Natur, bei der die Natur als wirkliches Gegen\u00fcber oder Subjekt erscheint. Dies ist im rationalen Ansatz ausgeschlossen. Diese Kunst w\u00e4re in dem Sinne scheinlose Sch\u00f6nheit, als sie sich vom Schein der Zivilisation verabschiedet hat, dass nur sie und damit die globale Hegemonie der Vernunft das Leben \u00fcberlebensf\u00e4hig macht. Es ist n\u00e4mlich sehr fraglich, ob es \u00fcberhaupt eine Rationalit\u00e4t jenseits der Zweckrationalit\u00e4t oder eine Vernunft ohne deren Instrumentalisierung f\u00fcr den Erhalt der artenvernichtenden Zivilisation geben kann. Im Minimum k\u00f6nnte der Rolle der Kunst darin bestehen, eine autonome Korrektur innerhalb dieser Zivilisation darzustellen.<\/p>\n<p>Manfred Ade<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem Text liegt ein Wohlwollen f\u00fcr nicht-menschliche Lebewesen zugrunde. 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