{"id":604,"date":"2015-12-29T19:37:03","date_gmt":"2015-12-29T17:37:03","guid":{"rendered":"http:\/\/joachim-borner.de\/?page_id=604"},"modified":"2017-04-26T20:08:44","modified_gmt":"2017-04-26T18:08:44","slug":"karnitzer-rundbrief-zum-ende-des-jahres-2015%e2%80%8f","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/joachim-borner.de\/?p=604","title":{"rendered":"Wir schaffen das\u201c! Schaffen wir das noch?"},"content":{"rendered":"<p>\u201eAuf einem Glatzenkopf \u2013 wahrscheinlich dem eines Mannes (was aber nicht unbedingt sein muss)\u2013 treffen sich drei Spatzen und picken nach Futter. Der Tr\u00e4ger des Kopfes denkt, er h\u00e4tte einen Gedanken.\u201c Diesen Gedankensplitter h\u00f6rten wir in einem Radioh\u00f6rspiel. Wir kicherten. Jetzt wissen wir nicht, wie wir den Bogen zu den n\u00e4chsten Eindr\u00fccken kriegen, aber wir kichern noch.<!--more--><\/p>\n<p>Einen Tag vor Weihnachten in ein Kaufhaus, nein, in die Hafenmall von San Antonio zu gehen, ist eine besondere Art, sich etwas Schlimmes anzutun. (Aber wir hatten auf der Suche nach einem Modem f\u00fcr den Laptop, mit dem die \u201eBindungen an die Welt (?)\u201c aufrechterhalten werden wollte, einen plausiblen Grund.) Nun kommt man nicht umhin, die Auslagen der verschiedenen Markenl\u00e4den irgendwie wahrzunehmen, wenn man im Geb\u00e4udekomplex z\u00fcgigen Schritts auf der Suche nach diesem einen Laden ist. Schuhchen und Krokotaschen, Starwars-Figuren, Ropa de Am\u00e9rica, de Europa, de Alemania, ein US-Motorrad-Nachbau, mit dem man nach dem 2. auch den 3. Weltkrieg gewinnen kann \u2013 zwischendurch Cheerleader T\u00e4nze und ein Gro\u00dfvaterweihnachtsmann f\u00fcr Fotos zu zweit oder dritt usw..<\/p>\n<p>Warum besch\u00e4ftigt mich das?<\/p>\n<p>Es war eine der typischen \u201eErleuchtungen\u201c. Ich ging da durch, nein ich war eher auf der Flucht und pl\u00f6tzlich ern\u00fcchtert von all der H\u00e4sslichkeit, welche den Dingen entstr\u00f6mte. Und mir ging durch den Sinn, dass man Menschen mit H\u00e4sslichkeiten erschl\u00e4gt, wie mit einer Axt, einer nassen Wohnung (Zille) oder Fast Food. Die Dinge die uns umgeben (mit denen wir uns umgeben und von denen wir umgeben werden), pr\u00e4gen uns \u00e4hnlich stark wie unsere Sprache und Spreche und unser Essen. Die Gew\u00f6hnung an die allt\u00e4glichen Scheu\u00dflichkeiten (auch der Sprache) greift tiefer in unseren Charakter ein, als wir vermuten. Stendhal hielt Sch\u00f6nheit f\u00fcr eine Verhei\u00dfung von Gl\u00fcck. Beim Anblick derer, die sich da in der Mall am Pazifik (welches selbst in nichts dem H\u00e4sslichen nachsteht) um scheu\u00dflicher Dinge willen in lange Schlangen reihten, war die Umkehrung des Stendhalschen Satzes offensichtlich: Abwesenheit von Gl\u00fcck nicht nur im Gesicht und in den Augen, auch in der K\u00f6rpersprache, dem Selbstwertgef\u00fchl. Zu dieser Erkenntnis h\u00e4tten wir nat\u00fcrlich nicht bis nach Chile fahren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Zu einer zweiten ebenso wenig: In Paris war einige Tage zuvor ein Weltkongress mit einem Weltvertrag zum Klimaschutz zu Ende gegangen. Patti Smith hatte dazu gesungen, Naomi Klein was gesprochen, die Cape-Farewell-Gruppe hatte ihre Kunstprojekte realisiert (mit der Gruppe sind wir in unserem Trontheim-Projekt verbunden).<\/p>\n<p>Von den Klimazynikern will ich gar nicht reden. Doch in Paris \u2013 wo es der Ausnahmezustand, den die franz\u00f6sische Regierung im Zuge des absurden Attentats ausgerufen hatte, der au\u00dferparlamentarischen Opposition und \u201edem Citizen\u201c, dem politischen B\u00fcrger nicht erlaubte, sich zu \u00e4u\u00dfern \u2013 erhielten die CEOs gro\u00dfer Konzerne Rederechte,\u00a0\u00a0(da sie daf\u00fcr zahlten) w\u00e4hrend Aktivisten verhaftet und herausgetragen wurden.<\/p>\n<p>Von den CEOs und von vielen Kommentatoren des Ergebnisses von COP21 kam einheitlich die Botschaft: \u201eWir schaffen das\u201c! Wir haben die 1,5 Grad im Griff. (W\u00e4hrend der Pariser Konferenz hatte eine Gruppe von L\u00e4ndern, die sich Gruppe der Ambitionierten nannte, und welche vor allem arme L\u00e4nder des S\u00fcdens zusammenfasste, die in besonderer H\u00e4rte von Klimafolgen betroffen sind, das Ziel 1,5 Grad \u2013 statt der bisherigen 2 Grad gefordert. Recht so! Denn bei diesen L\u00e4ndern bedeutet selbst diese Klimaver\u00e4nderung katastrophale \u00f6kologische und soziale Folgen.)<\/p>\n<p>Aber es kamen nicht neue ernstgemeinte Angebote zur CO2-Reduktion von Nationen oder globalen Konzernen, um der Allianz der ambitionierten L\u00e4nder unter die Arme zu greifen. Jetzt setzten sich CEOs und Politiker und Medienmacher auf diese Zahl und vermeldeten \u201eWir habens schon im Griff. Weiter so\u201c \u2013 wohl wissend, dass die technischen und sozialen Neuerungen\/Ver\u00e4nderungen, die bisher mit dem Weltvertrag beschlossen wurden nicht einmal reichen, um einen Temperaturanstieg von 2,7 Grad zu halten. Zwischen 1,5 Grad und 2,7 Grad liegt ein Desaster. Dieses wird aber wieder nicht benannt! Jetzt, wo die Zeit f\u00fcr kluge Entscheidungen schon fast um ist, aber eben \u201efast\u201c, wird ein Dunstschleier ausgebreitet: \u201eIst was?\u201c \u2013 \u201eIst was zu tun?\u201c \u2013 \u201eIhr B\u00fcrger lasst lieber die Finger davon.\u201c<\/p>\n<p>Ist das Dummheit? Ich bin einfach nur baff \u00fcber die Steigerungsm\u00f6glichkeiten, die Ignoranz bieten kann.<\/p>\n<p>Was ist eigentlich Dummheit? Mangel an Verstand? Nun, Erasmus von Rotterdam meinte einmal in \u201eLob der Torheit\u201c: Ohne gewisse Dummheit k\u00e4me der Mensch bisweilen nicht einmal auf die Welt. Also Mangel an Verstand\u00a0\u00a0ist das, was wir erleben, nicht. Auch nicht jene schlichte Dummheit, die man mit Erscheinungen wie Lothar Matth\u00e4us (mir f\u00e4llt grad keine bessere Erscheinung ein) in Verbindung bringen m\u00f6chte \u2013 denn sie ist eine geradezu anmutige und helle, gelegentlich sympathische und bisweilen poetische Erscheinung. Robert Musil hat das in seiner Rede \u201e\u00dcber die Dummheit\u201c einmal so beschrieben: Frage man die Erscheinung oder Person: Was ist Religion? \u2013 sagt sie: \u201eWenn man in die Kirche geht\u201c; und erkundigt man sich \u201eWer war Petrus\u201c? lautet die Antwort: \u201eEr hat dreimal gekr\u00e4ht\u201c. Diese Dummheit, so Robert Musil, habe \u201enicht wenig von den roten Wangen des Lebens.\u201c<\/p>\n<p>Doch die Dummheit, um die es hier geht, ist zweierlei: Seelendummheit oder Dummheit als Gef\u00fchlsfehler, die ihren Ursprung in Furcht vor dem Leben, Angst vor der Zukunft hat einerseits und empathischer Unf\u00e4higkeit und Zukunftslosigkeit anderseits ist. Und in der Unf\u00e4higkeit, darauf auf andere Art als arrogant und ignorant oder sogar hassend zu reagieren. Es liegt im Charakter des globalen, durch oligarche Strukturen gezeichneten Marktes, der seit einiger Zeit (nach der Aufl\u00f6sung des Ostens) kein Au\u00dfen und keine Expansionsm\u00f6glichkeiten mehr hat, dass seine Akteure ans Eingemachte gehen: statt Dekarbonisierung mehr Fracking, Braunkohle, \u00d6lschiefer, die CO2-Zertifikate werden verzockt, die technischen Anpassung an die Klimafolgen \u2013 je schlimmer umso besser \u2013 haben ihren eigenen Preis. Empathie geht gar nicht, auch nicht zwischen Freunden\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aristoteles schrieb: Freundschaft\u00a0\u00a0und Seelenverwandtschaft ist eine Seele in zwei K\u00f6rpern \u2013 in unserem und dann in dem des Freundes. Unser pers\u00f6nliches Verhalten h\u00e4ngt viel vom Verhalten unserer Freunde und der uns umgebenden Menschen ab. Wir sind unser soziales Umfeld. Was aber ist, wenn das ebenso scheu\u00dflich ist, wie viele der Waren zu Weihnachten?<\/p>\n<p>Paris hatte vor COP21 den blutigen 13. November. \u201eUnsere Antwort auf Gewalt ist noch mehr Demokratie, noch mehr Humanit\u00e4t, aber niemals Naivit\u00e4t.\u201c Nein, leider ist dieser Satz nicht von Hollande. Und leider h\u00f6rte man ihn bisher in den ganzen unruhigen Zeiten wirklich nur einmal: von dem norwegischen Ministerpr\u00e4sidenten Stoltenberg nur kurze Zeit nach dem Anschlag des Islamhassers Breivik &#8212; doch leider ohne Wirkung.<\/p>\n<p>Am Tag, als die USA dem Irak ihren ersten Krieg erkl\u00e4rten, das war viele Jahre zuvor, sa\u00df ich mit einem Wissenschaftsfreund\u00a0\u00a0aus Roskilde in der \u201eDeponie\u201c in Berlin. Wir redeten nat\u00fcrlich \u00fcber diese neue Eruption. Pl\u00f6tzlich fing er \u2013 ein gestandener Mann &#8211; hemmungslos zu weinen an: \u201eWelche Leiden stehen wieder an bei den Unschuldigen der Welt\u201c \u2013 sagte er. Am Abend sendete die ARD die ersten Bilder der Raketeneinschl\u00e4ge und die ersten Kommentare zu den Kollateralsch\u00e4den. Von \u201eunseren Werten\u201c ist allenthalben die Rede, die wir sch\u00fctzen m\u00fcssen \u2013 besonders jetzt nach Paris. D\u00f6pfner vom Springer-Konzern schreibt \u00fcber einen Kulturkampf zwischen Islam und Christentum. Das schreibt auch der IS, das schreiben auch die fundamentalistischen Kirchen in Amerika\u2026 \u201eWie wollen wir unsere Freiheit verteidigen? Unseren Allah? Unseren Gott\u201c \u2013 Es ist alles Gleich: gefragt ist nur die Formel \u201eUnterwerfung oder Kampf\u201c- und wenn Kampf: wie?<\/p>\n<p>Es stimmt \u2013 wir stecken mittendrin in einem Kulturkampf! Aber der wird nicht zwischen dem Islam und dem Christentum oder anderen Religionen gef\u00fchrt, sondern zwischen denen, die auf den Konflikt setzen und jenen, die an Vers\u00f6hnung, an gemeinsames Leben, an gemeinsame Kultur glauben.<\/p>\n<p>Ja wenn WIR die Welt in Freunde und Feinde einteilen und Konflikte erst dann beendet sehen, wenn der andere vernichtet ist \u2013 oder man selbst, dann ist das eine Bruderschaft mit den IS-Leuten. WIR singen gemeinsam das Lied vom Krieg und Tod. Westliche Werte sind wo?<\/p>\n<p>Ich \u2013 Atheist (und begeisterter Leser der Schriften von Dorothe S\u00f6lle) \u2013 bin in diesem Land, dessen Repr\u00e4sentanten immerzu mit ihren westlichen Werten um sich werfen, wie fr\u00fcher meinen Tanten mit den Carepaketen \u2013 zutiefst irritiert: \u201ewo ist bei Euch das Matth\u00e4us-Evangelium, das auch mich pr\u00e4gte: \u201eSelig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.\u201c<\/p>\n<p>Nie hat der Westen mit der kurzen deutsch-schwedischen Episode t\u00e4tiger Vers\u00f6hnung \u2013 der Aufnahme von \u00fcber einer Million islamistischer Fl\u00fcchtlinge \u2013 dem antihumanen Wesensstil des IS eine gr\u00f6\u00dfere Niederlage bereitet als in dem Moment, da er den unter Krieg und Terror leidenden Muslimen Schutz gew\u00e4hrte. !<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ab dem n\u00e4chsten Jahr \u2013 wenn es so will \u2013 schreiben wir wieder mehr \u00fcber G\u00e4rten und deren Geister.<\/p>\n<p>Jetzt, vom Pazifik in Las Cruces (Chile) ganz verwunschen und verzaubert m\u00f6chten wir Euch umarmen und Euch und uns ein anderes neues Jahr w\u00fcnschen, als das 2015. Ein selbstbewussteres, widerst\u00e4ndigeres und widerspenstigeres Jahr!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"https:\/\/dub125.afx.ms\/att\/GetInline.aspx?messageid=9cf076b7-183f-11e6-a85e-00215ad7ab7c&amp;attindex=0&amp;cp=-1&amp;attdepth=0&amp;imgsrc=cid%3apart1.1FDCD63D.96262178%40kmgne.de&amp;cid=c0c1d57ddc8e6dd8&amp;shared=1&amp;blob=MHxBVFQwMDAwMXxpbWFnZS9qcGVn&amp;hm__login=trilli.borner&amp;hm__domain=hotmail.de&amp;ip=10.148.128.8&amp;d=d1445&amp;mf=0&amp;hm__ts=Thu%2c%2012%20May%202016%2012%3a53%3a02%20GMT&amp;st=trilli.borner%25hotmail.de%407&amp;hm__ha=01_1fb882987b5babb76486c92d59a67771270212bcecb7c4eac5c930dcab91dae9&amp;oneredir=1\" width=\"346\" height=\"230\" \/><br \/>\nGro\u00dfe Bucht zwischen Las Cruces und Cartagena, Wetterumschwung zwischen Weihnachten und Neujahr.<\/p>\n<p>Nun, das Jahr 2016 wird sagen : Nur zu, es liegt alles in Eurer Hand \u2013 ich bin nur der Zeitmantel.<\/p>\n<p>Martina und Joachim<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAuf einem Glatzenkopf \u2013 wahrscheinlich dem eines Mannes (was aber nicht unbedingt sein muss)\u2013 treffen sich drei Spatzen und picken nach Futter. 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