{"id":580,"date":"2015-05-26T19:25:36","date_gmt":"2015-05-26T17:25:36","guid":{"rendered":"http:\/\/joachim-borner.de\/?page_id=580"},"modified":"2017-04-26T20:24:54","modified_gmt":"2017-04-26T18:24:54","slug":"karnitzer-rundbrief-0415%e2%80%8f","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/joachim-borner.de\/?p=580","title":{"rendered":"Vor kurzem lernte ich Benki Piyako kennen\u200f"},"content":{"rendered":"<p>Hallo Ihr Lieben,<\/p>\n<p>wir haben einen neuen Freund: Giovanni De Nittis. Er ist vor kurzem nach Gnoien gezogen! (Schnell was Gnoien bedeutet: Es ist eine Kleinstadt in Mecklenburg mit einer Reihe von gro\u00dfartigen Verr\u00fcckten &#8211; ein Kfz-Mechaniker, der seine Akten im K\u00fchlschrank lagert, aber jedes Autoproblem packt; ein Fledermausforscher mit einem befeindeten Nachbarn, der, als er f\u00fcr drei\u00a0 Monate ins Gef\u00e4ngnis musste, seine G\u00e4ule anspannte und mit ihnen bis Rostock trabte, sie vor dem Gef\u00e4ngnis ausschirrte und anpflockte und die W\u00e4rter bat, sich doch um sie zu k\u00fcmmern; <!--more-->ein Maestro, der von Mauern bis Zimmern alles kann, fr\u00fcher das Freibad betreute&#8230; und jetzt auch noch Giovanni, ein Koch und Gastronom vom Besten &#8211; zugezogen aus dem Westen mit dem gr\u00f6\u00dften (und gef\u00fcllten) italienischen Weinkeller ausserhalb Italiens, mit einem H\u00e4ndchen f\u00fcr Balsamico (18j\u00e4hrig, selbst Jahr f\u00fcr Jahr von einem Fass zum n\u00e4chsten gezogen) und Gen\u00fcssen aus dem puren Gem\u00fcse und Obst, dass in Pestos, Cremes, Chutneys untergebracht ist. Er trocknet alles was ihm unter die H\u00e4nde kommt: ganz vorsichtig, dass der Geschmack und die W\u00fcrze bleibt, mal mit zugesetztem Meeressalz mal eingelegt in Lik\u00f6rsirup. Und daraus dann macht er Cocina&#8230; Dieser Giovanni hat in seinem Keller Grappa von Romano Levi! Dieser begnadete italienische Destillateur gestaltete seinen Grappa &#8211; er produzierte nicht einfach. Jede Charge war ein Unikat, jedes Unikat wurde weiter verfeinert durch unterschiedlich lange Lagerung (und ein \u00e4lterer Grappa ist dann nicht mehr farblos-wasserfarben sondern bekommt mehr und mehr einen Stich von rotbraun). Romano Levi &#8211; auch anders als die meisten von uns &#8211; verkaufte seinen Grappa ungern; er lies Kunden oft ein, zwei Tage warten bis er sich entscheiden konnte eine Flasche herauszugeben. Dann aber hatte der Kunde nicht nur einen exellenten Grappa sondern auch noch ein kleines Gem\u00e4lde von Romano: denn der malte f\u00fcr jede Flasche ein eigenes Etikett!\u00a0 Das kann man Kultur nennen. Auf jeden Fall ist das eine Geschichte, die davon erz\u00e4hlt, dass Grappa etwas v\u00f6llig anderes sein kann als Grappa auf dem kurzen Weg vom Supermarkt in den Kopf und K\u00f6rper eines Wesens, das noch vor dem Schluck aus der Flasche auf dem gedruckten Etikett die Prozentzahl des Alkoholgehalts nachliest.<br \/>\nIm Garten kann es auch verr\u00fcckte Sachen\u00a0 geben\u2026.<\/p>\n<p>Wir planen einen Hofladen.<br \/>\nEin Hofladen ist die T\u00fcr nach hinten in den Garten! W\u00fcrde man den direkten Weg vom Dorf her nehmen wollen, n\u00e4hme man eine starke Irritation in Kauf, denn man k\u00e4me von der Kultur der Infrastruktur und der Gemeinwesenregeln, der Stra\u00dfen- und Gebotsschilder, Eigentumzaungrenzen unvermittelt und unmittelbar in die Anarchie einer sich selbst gen\u00fcgenden Beziehungs- und Deutungswelt. Das macht Angst. Erwartet und begr\u00fc\u00dft werden wir da nicht, irgendwie hingenommen.<br \/>\nDer Hofladen aber hat Gewohnheiten, die wir kennen! Er (!) erwartet uns, hat sich auf uns eingestellt mit Kaffeesorten und verschiedentlich zubereitetem Tee \u2013 der hat da und dort schon Bl\u00e4tter aus dem dahinter! Damit beginnt er uns zu IHM zu leiten, zu dem wilden Bruder, zu der ZONE, wie er in Tarkowskis Stalker auftaucht. Und wir, wenn wir uns einlassen und Zeit nehmen akklimatisieren uns! Es ist so wie beim Aufstieg zum Lago Chungara, dem wohl h\u00f6chsten See der Erde im plano alto des Grenzgebietes Chiles. Wollte man zu diesem See in einem St\u00fcck reisen \u2013 wie wir den \u00dcbermut heutiger Reisekultur ja kennen, ja da w\u00fcrde uns Ungewohnten, Unge\u00fcbten und Ahnungslosen die H\u00f6he b\u00f6se mitspielen. Aber uns fl\u00fcsterte Einer was, steckte uns Coca-Bl\u00e4tter in die Jackentaschen und hielt uns in Pudre \u2013 einem St\u00e4dtchen auf halber H\u00f6he &#8211; f\u00fcr eine Nacht auf.<br \/>\nDer Hofladen, den wir zu planen beginnen, ist Pudre. Seine Genehmigung \u2013 also den Eintritt von der Dorfseite haben wir. Die Art des Eintritts von ihm in den Garten und die \u201eUmstellung\u201c auf die neue Welt ist uns noch ein Geheimnis.<\/p>\n<p>Ich dachte, Herman Hesse k\u00f6nnte mit seiner Schilderung \u201eStunden im Garten\u201c bei der Offenbarung helfen. Aber leider schreibt er nur \u00fcber den G\u00e4rtner, der sein Werkzeug nach altem Gebrauch pflegt, der zwischen Haus und Garten eine Bannmeile gezogen hatte, die bedeutete: Bis hierher, Garten und nicht weiter. Immer morgens lief er dann \u201eStreife\u201c, erwischte nat\u00fcrlich junges Gr\u00fcn auf dem Weg zum Haus oder sich zwischen Steinumrandungen versteckend und verhaftete es. Ein wenig traut er sich dann: \u201eDurch die Reben den Grashang hinab, \u2026steig ich, Abhang um Abhang. Schon ist verschwunden das Haus, ich seh den Buchsbaum starr in den gl\u00fchenden Himmel ragen, es nimmt mich der Garten, nimmt mich der steile Rebhang auf,und schon sind die Gedanken weg vom Hause, vom Fr\u00fchst\u00fcck, den B\u00fcchern, der Post und der Zeitung.\u201cUnd was macht Hermann Hesse im Garten? Er kokelt. Er beschreibt das bravur\u00f6s \u2013 nur bei der Begr\u00fcndung ist er sehr umst\u00e4ndlich: Er tut so, als ob er mit offenem Feuer anst\u00e4ndigen D\u00fcnger aus dem Laub und den Zweigen hervorlockt wenn er damit z\u00fcndelt und spielt.<br \/>\nNun, er kannte noch nicht \u2013 wie viele unserer Zeitgenossen ebensowenig &#8211; das M\u00e4rchen von Terra Preta, dem geheimnisvollen schwarzen Boden, der sich bei richtigem und guten Gebrauch, bei Wertsch\u00e4tzung und Pflege, w\u00e4hrenddessen er Rettich, Bohnen und K\u00fcrbis n\u00e4hrt, selbst w\u00e4chst. Es ist nicht das verkrampfte, cholerische Wachsen einer kapitalistischen Utopie \u2013 es ist ein gelassenes Aufbauen von Potenz und Potenzial. Sagt die Legende.<\/p>\n<p>Vor kurzem lernte ich Benki Piyako kennen. Er ist der Nach- und Vordenker des Amazonasvolkes Ashaninka. Bei ihm finden sich viele M\u00e4rchen, die \u00fcber Wissen und Klugheit im Umgang miteinander und mit der Natur berichten. Er hat ein Bildungszentrum errichtet, f\u00fcr uns Unwissende.<br \/>\n&#8211; Die Holzwerkstatt naht: In der gro\u00dfen G\u00e4rtner-Halle in Karnitz werden wir vom\u00a0<b>10. &#8211; 12. April<\/b>\u00a0an und mit Holz arbeiten. Von der Kettens\u00e4ge bis zur Laubs\u00e4ge ist alles drin. Verbandzeug haben wir auch. Abends werden\u00a0 Geschichten erz\u00e4hlt &#8211; wie anders als am Lagerfeuer &#8211; und Schn\u00e4pse, S\u00e4fte und Weine probiert.<\/p>\n<p>&#8211; Es stehen an zwei Workcamps mit Jugendlichen aus Mecklenburg, die wir f\u00fcr Euch \u00f6ffnen.<br \/>\nWir arbeiten an der k\u00fcnstlerischen Gestaltung, Interpretation von Lebensentw\u00fcrfen.<br \/>\nDie Termine und das Programm geben wir in K\u00fcrze durch.<\/p>\n<p>&#8211; Am 19.9. werden wir unter dem Titel &#8222;Klimatische Irritationen&#8220; die erste Filmveranstaltung\u00a0 &#8222;des kulinarischen Kinos&#8220;\u00a0 durchf\u00fchren.\u00a0 Es ist eine Art Perdormance mit Spots aus den Sommeruniversit\u00e4ten, Textlesungen und leichten Slow Food Gerichten.<\/p>\n<p>Ihr seid herzlich eingeladen<br \/>\nViele Gr\u00fc\u00dfe von der Karnitzer Osterinsel<br \/>\nMartina und Joachim<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo Ihr Lieben, wir haben einen neuen Freund: Giovanni De Nittis. 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